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Charlotte Baltrusch: Die Geschichte von “Claudia”

Charlotte Baltrusch: Die Geschichte von “Claudia”

Traumatherapie unter schwierigen Bedingungen

Einleitung

Dies ist die Erzählung über die Arbeit der Traumatherapeutin Dr. Charlotte Baltrusch mit einer Patientin in Kolumbien wie sie sich im Herbst 2014 zugetragen hat. Der Name der Patientin und verschiedene Aspekte ihres Schicksals wurden so verändert, dass sie anonym bleibt, jedoch der Verlauf der Therapie spürbar und nachvollziehbar bleibt.

Ein so rascher Fortschritt durch die Therapie lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen mit dem Methoden der modernen Traumatherapie erreichen, und dies regelmäßig (wenn auch nicht in allen Fällen). Durch diese Beschreibung möchten wir einer breiten Leserschaft Einblicke in die Möglichkeiten moderner Methoden zur Behandlung seelischer Traumata geben.



Meine erste Begegnung mit "Claudia"

von Dr. med. Charlotte Baltrusch, Kolumbien 2014

Seit über zehn Jahren fahre ich in verschiedene Schwellenländer, um dort Menschen in Traumatherapie auszubilden. Eigentlich möchte ich besonders Personal von verschiedenen NGOs ausbilden, damit diese dann wiederum die ihnen anvertrauten Schützlinge effektiver behandeln können.

Zunächst beginne ich damit, die Traumata des Personals zu bearbeiten. Dies benötigt normalerweise viel Zeit, viele Sitzungen und folglich hohe Ausbildungskosten – all dies ist an diesen Orten nicht vorhanden. Die Eigentherapie muss in kurzer Zeit erfolgen und kosten darf sie auch nichts. Die TherapeutInnen, PsychologInnen und auch SozialarbeiterInnen sind meist arm und verdienen mit hohem Einsatz und langen Arbeitszeiten nur mit Mühe den nötigsten Lebensunterhalt. Zudem ist ihnen die spezielle Traumatherapie - wie sie in Deutschland üblich ist - sehr fremd.

Wenn ich also etwas erreichen will, muss ich mich den Rahmenbedingungen anpassen.

Zu Beginn hatte ich mir pro Reise zwei Monate Zeit genommen, mittlerweile habe ich nie mehr als vier bis höchstens fünf Wochen Zeit. In diesem Zeitraum halte ich die Einführungskurse vormittags, die Nachmittage sind für Individualtherapie reserviert. Gelegentlich habe ich drei Gruppen parallel, jede in einem anderen Weiterbildungsstadium.

Im September 2014 waren die Verhältnisse noch einmal anders, dieses Mal arbeitete ich in Kolumbien.

Diesmal hatte ich für Bogotá nur eine Woche Zeit. Meine Ansprechpartnerin hier war eine Nonne aus dem Orden der „Siervas de Christo Sacerdote", Schwester Myriam, die mich eingeladen hatte, in dem von diesen Nonnen geführten Waisenhaus einige Nonnen, SozialarbeiterInnen und Kinder zu behandeln.

Außerdem hatte ich in dieser Woche noch in einer anderen Organisation Einführungskurse zu halten und dort Grundlagen der Traumatherapie zu unterrichten - meine Tage waren also wieder einmal mehr als ausgefüllt.

Bei den verschiedenen mir vorgeschlagenen Einzeltherapien befand sich auch ein schwer traumatisiertes junges Mädchen, "Claudia", 15 Jahre.

Claudia war aufgenommen worden wegen einer Gruppenvergewaltigung mit Todesdrohung, falls sie zur Polizei ginge. Sie lebte mit 2 leiblichen Geschwistern, einem zwei Jahre älteren Bruder aus einer anderen Partnerschaft sowie zwei kleinen Halbbrüdern, drei Jahre bzw. drei Monate alt, aus verschiedenen weiteren Partnerschaften, bei ihrer Mutter.

Die verschiedenen Stiefväter, insgesamt wohl vier längere Partnerschaften der Mutter, waren alle roh, gewalttätig und übergriffig gewesen, sowohl gegen die Mutter als auch gegen Claudia als älteste Tochter. Aber die genaueren Einzelheiten ihres Schicksals erfuhr ich erst im Laufe der Therapie. Zu Beginn wusste ich nur, dass es sich um ein sehr schweres Schicksal handelte.

Claudia zeigte ein schwermütiges Wesen; sie weinte viel, konnte nachts nicht schlafen, schreckte oft hoch und schrie dabei, konnte dann lange nicht mehr einschlafen. Sie zog sich ganz zurück, vermied größere Menschenansammlungen (was in einem Waisenhaus mit 120 Kindern praktisch unmöglich war), benahm sich dann oft auch mürrisch und aggressiv. Insgesamt war sie eher schüchtern und sehr ängstlich.

Und dafür nur 1 Woche Zeit! Aber ohne mich hätte sie gar keine Therapie gehabt, also begann ich, so gut es ging.



Tag 1: Die erste Sitzung

Zu Beginn fand ich ihre Ressourcen (Kraftquellen) heraus, wieso hatte sie so viel Schlimmes überhaupt überlebt? Dieses Mädchen erstaunte mich immer wieder. In den ersten Jahren war sie von der mütterlichen Großmutter versorgt worden, als die Mutter arbeiten ging.

Wenn ihr Vater zu schlimm wurde- er war Choleriker und Alkoholiker) hatte die Oma sie zu sich genommen, ihr Lesen und Schreiben beigebracht und vieles, was ein Mädchen so benötigt- ein bisschen Kochen, Backen, Körperpflege, Putzen…. In die Schule konnte sie zunächst nicht gehen, die Mutter musste ja den ganzen Tag arbeiten, Claudia und die Oma versorgten den Haushalt und die der Reihe nach erscheinenden Geschwister.

Als sie 8 Jahre alt war, wurde die Oma schwer krank und verstarb- Claudia pflegte sie bis zum Schluss. Zu der Zeit hatte die Mutter einen Partner, der Claudia achtete und freundlich zu ihr war. Er besaß einen kleinen Laden, in dem sie mithalf. Jetzt durfte sie endlich in die Schule gehen, das war ihre ganze Freude. Sie übersprang gleich 2 Klassen, fing sofort in der 3. Stufe an, war am Schuljahresende sogar Klassenbeste. Sie erzählte begeistert von ihrer Lehrerin, die sie sehr gefördert hatte, ihr auch ein paar Privatstunden gegeben hatte und offensichtlich Freude an dem begabten Mädchen gefunden hatte.

Als sie 11 Jahre alt war, wurde dieser Stiefvater, der Beste von allen, ermordet. Claudia war nun ganz alleine mit ihren 2 kleinen Geschwistern.

Mit 11 Jahren verlor Claudia den gesamten bisherigen Halt in ihrem jungen Leben, die Oma, den Stiefvater und die Mutter, die nun überhaupt nicht mehr heimkam. Und dennoch, trotz ihres großen Kummers, versorgte sie die kleinen Geschwister! Die Kinder waren allein. Claudia wusch für die Nachbarinnen, ging auch auf die Straße betteln, nähte und bügelte- kurz tat alles um sich und die Kinder durchzubringen. Auch in die Schule konnte sie so ja nicht mehr gehen. So las sie in den Nächten, was sie an Lesbarem fand. Das dauerte ca ein halbes Jahr.

Ihre Kraftquellen waren also einmal ihre hohe Intelligenz und ihre Liebe zu den Geschwistern.

Dies verstärkte ich natürlich, auch indem ich mir lange von den Geschwistern erzählen ließ. Sie hatte zu der Zeit einen Bruder, fünf Jahre jünger, sowie eine kleine Schwester, sieben Jahre jünger als sie. Sie erzählte so voller Liebe über die kleinen Entwicklungsschritte der Kinder und wie sie hier und dort helfen konnte und ihnen „die Welt erklären" konnte- manche Mutter hätte es schlechter gemacht! Beim zu Bett bringen Geschichten erzählen, Lieder singen- es hat mich sehr bewegt und ich war natürlich voller Lob für dieses Verhalten. Auch der erste so erfolgreiche Schulunterricht wurde als wertvolle Kraftquelle durch Lob und meine offensichtliche Begeisterung verstärkt und betont.

Auch gab ich ihr ein paar therapeutische Geschichten zu lesen, die ihr bei ihrer guten Intelligenz weiterhalfen. (Jorge Bucay, ein argentinischer Therapeut, der mit den zum Patienten passenden Geschichten und Erzählungen behandelt.)

Leider musste ich nun doch zu den Belastungen, den Traumata übergehen, es war ja so wenig Zeit. Und die purzelten nun nur so heraus.

Ruhe und Ordnung mit diesem Stiefvater währten nur 3 Jahre. Mit 11 Jahren war Claudia mit ihm grade im Laden, als plötzlich 2 schwarz gekleidete Männer hereinkamen, ohne weitere Worte eine Pistole zückten und den Stiefvater erschossen. Auch sie wurde beschossen, hatte multiple Verletzungen. Der Stiefvater war sterbend über sie gefallen und hatte sie so beschützt, so konnte sie überleben.

In der Traumatherapie arbeiten wir heute mit verschiedenen Techniken: der Videotechnik, der Tresortechnik, bei der man schlimme Erinnerungen in einen imaginären Safe verschließen kann, sowie auch mit EMDR, einer Technik die mittels wechselseitiger Stimulation - sei es mit Augenbewegungen oder mit Klopfen auf die Oberschenkel - die schlimmen Bilder und Erinnerungen blasser werden lassen und leichter erträglich machen kann.

Bei der Videotechnik stellt man sich das Trauma als Videofilm vor. Zudem hat man eine imginäre Fernbedienung in der Hand, mit der man den „Traumafilm" ein bisschen verändern kann; man kann u.a. alles in schwarz-weiß sehen, den Film schneller oder langsamer laufen lassen, vorlaufen lassen, auch auf „Aus" drücken u.a.m.

Dieses Trauma- das viele Blut, die Schmerzen, die Verletzungen, habe ich dann zunächst mit der Videotechnik, erst einmal alles in schwarz-weiß, vorstellen lassen, dann durch bilaterale Stimulation- hier durch abwechselndes Klopfen auf ihre Oberschenkel- blasser werden lassen bis sie etwas leichter zu ertragen wurden.

Auch hier half mir die Ressourcensuche: Was war Gutes im Schlimmen? – Ihr eigener Vater hatte die Kinder verlassen, war cholerisch und ein prügelnder Trinker gewesen. Dieser Stiefvater hatte sie mit seinem Körper noch sterbend beschützt! Ein Nachbar hatte die Schüsse gehört und hatte sie schnell in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht, wo sie mit vielen Operationen wieder zusammengeflickt und versorgt wurde.

Sie hatte also die Fähigkeit, Freunde zu gewinnen und auch, sich Hilfe zu holen, wenn sie selbst nicht weiter kam! Das sind großartige Fähigkeiten, die natürlich verstärkt wurden.

Ihre einzige Sorge auch im Krankenhaus waren ihre Geschwister- wer versorgt sie, war die Mutter zu Hause? Claudia war nun 12 Jahre alt und hatte schon mehr erlebt als viele Erwachsene!

Zu dieser Zeit kam die Mutter zurück und bekam ein weiteres Kind, einen kleinen Bruder.

Dies alles war Inhalt der ersten Therapiesitzung, die ungefähr drei Zeitstunden dauerte.

Zum Abschluss haben wir dann alles fest und sicher in einen Tresor eingeschlossen, der Schlüssel dazu blieb bei mir in dem gut verschlossenen und verriegelten Klosterzimmerchen, in dem ich meine Therapie machen konnte.



Tag 2: Die zweite Sitzung

Claudia hatte, trotz aller positiven Verstärkung, nicht gut geschlafen, ihr ganzes Leben war ihr durch den Sinn gegangen, so viele Prügel, Schwierigkeiten, soviel Unglück, wenn es grade mal etwas aufwärts zu gehen schien. Diesmal kamen nun mit Macht die Bilder, die Schmerzen, die Angst von der Gruppenvergewaltigung hoch und mussten bearbeitet werden.

Zunächst nahmen wir uns viel Zeit, einen inneren Ort zu finden, in dem sie sich geborgen und sicher fühlte, in dem es ihr gut ging, dem sogenannten sicheren inneren Ort, den sie in der Therapie auch gemalt hatte, damit sie sich in Zeiten der Belastung immer wieder daran erinnern konnte.

Sie war 14 Jahre alt gewesen damals, hatte schon einen Freund. Auf dem Heimweg von der Schule, am Vormittag, waren 4 betrunkene junge Männer, darunter auch ihr Freund, über sie hergefallen, hatten sie von hinten angefallen, festgehalten, auf den Boden geworfen und mit Stöcken und Fußtritten geschlagen, bis sie sich nicht mehr wehren konnte. Dann hatten sie das wehrlose Mädchen zu viert vergewaltigt, oral, vaginal und durch den After. Sie war blau und grün geschlagen, blutete aus allen Öffnungen, hatte Todesangst. Irgendwie schaffte sie es trotz allem, zu entfliehen und nach Hause zu kommen. Mutter und der 4. Stiefvater waren gerade zu Hause und versorgten sie nach Möglichkeit, brachten sie auch ins Krankenhaus zur Versorgung ihrer genitalen Verletzungen.

Ihr Freund hatte ihr noch gedroht: "Wenn du was sagst, bringen wir dich um!" Deshalb entschlossen sich Mutter und Stiefvater und auch Claudia selbst, sie in ein Heim zu bringen, in dem sie sicher war, so kam sie zu den "Siervas de Christo".

Diese ganze Geschichte brach in Teilen und einzelnen Bildern aus ihr hervor, eine zusammenhängende Geschichte konnte sie erst nach langer Bearbeitung mittels Videotechnik und auch bilateraler Stimulation erzählen.

(Nebenbei bemerkt ist dies auch wichtig für Polizei, Rechtsanwälte und Richter: ein zusammenhängendes sog. Narrativ kann bei schwer Traumatisierten oft erst nach längerer Therapie erzählt werden, vorher bestehen die Erinnerungen häufig nur aus einzelnen, abgehackten und völlig unzusammenhängenden Erinnerungen).

Claudia weinte zwischen den Berichten immer wieder so heftig, dass ich sie immer wieder stabilisieren musste. Immer wieder besuchte sie ihren zuvor installierten sicheren Ort, an dem sich mittlerweile auch verschiedene imaginäre Helfer befanden: Zunächst, am wichtigsten die Mamma, später wurde auch die Oma als Helferin dort installiert, die sie liebevoll tröstend in den Arm nahm.

Und, obwohl die Mutter sie mehrfach im Stich gelassen hatte, ein halbes Jahr sogar ganz verschwunden war, war die Mamma die wichtigste Person in dem ganzen Prozess.

Hier möchte man ja als Therapeut eigentlich von der Mutter als Helferin abraten- die Mutter hatte sie ja nie wirklich vor der Gewalt ihrer Partner schützen können- aber das wäre hier falsch gewesen. Die Mutter lebte an einem anderen Ort, Claudia durfte nur selten Besuch von ihr empfangen und sie sehnte sich sehr nach Hause, zu ihren Geschwistern. Ich habe die Mutter und die ganze Familie verstärkt als ihre persönliche Kraftquelle und das hat ihr auch sehr geholfen.

Zum Abschluss dieser gut 3 Stunden dauernden Sitzung haben wir wieder den sicheren Ort, die inneren Helfer und ihre Kraftquellen verstärkt und dies schlimme Trauma gut in den Tresor eingeschlossen.

Nach dieser Monstersitzung war Claudia völlig erschöpft, müde geweint und leer. Sie hatte aber auch wieder neuen Boden unter den Füßen und wusste, dass sie alles Schlimme erlebt, aber auch überlebt hatte, dass alles Vergangenheit war. Teile der Vergewaltigung waren vorher amnestisch gewesen, also ihr nicht mehr bewusst, waren aber durch die Therapie wieder in ihr Bewusstsein zurückgekehrt.



Tag 4: Die dritte Sitzung

Am dritten Tag gönnten wir uns beide eine Pause. Claudia hatte seit Monaten zum ersten Mal wieder durchgeschlafen, keine nächtlichen Albträume, kein Hochschrecken. Es war ein tiefer, traumloser Erschöpfungsschlaf. Es war Sonntag und die Kinder und Jugendlichen machten einen kleinen Ausflug in einen Erlebnispark, den ich ihr von Herzen gönnte. Sie erzählte danach, sie habe keine Ängste vor vielen Menschen mehr gehabt, habe richtig mit den Anderen feiern können. Allerdings stellte sich jetzt, in der dritten Sitzung, eine tiefe Traurigkeit dar, kombiniert mit einem verstärkten Misstrauen, nicht nur gegen ihre Kameradinnen im Heim, auch gegen mich. Was wollte ich von ihr, warum arbeitete ich mit ihr an ihrer schrecklichen Geschichte, wollte ich auch irgendetwas Heimtückisches mit ihr tun?

Wieder war die Mamma die einzige Person auf der Welt, die sie verstehen konnte. Ich brauchte einige Zeit, um ihr wieder Vertrauen zu mir, auch zu der betreuenden Sozialarbeiterin sowie ihrer Bezugspsychologin zurück zu geben. Anlass für dies Misstrauen war die aufdeckende Therapiestunde, in der ihr der üble Verrat ihres damaligen Freundes wieder so richtig ins Bewusstsein rückte.

Wem konnte sie denn noch vertrauen, wenn ihre nächsten Angehörigen und Freunde sie so furchtbar verraten hatten.

In dieser Stunde beschränkten wir uns auf Stabilisierung, verstärkten den sicheren inneren Ort und ihre inneren Helfer. Ganz zuletzt konnte sie auch den Stiefvater, der sie sterbend beschützt hatte, als Beschützer und Helfer akzeptieren.



Tag 5: Die vierte Sitzung

Insgesamt ging es Claudia ein bisschen besser, sie hatte geschlafen, wenn auch nicht so tief wie gleich nach der 2. Sitzung; sie hatte viel gegrübelt, hatte auch noch einen Flash von der Vergewaltigung in der Nacht gehabt, klagte über Kopfschmerzen und große Erschöpfung.

Dieses Mal zog ich eine der Nonnen, Sor Myriam,- die auch die spirituelle Ansprechpartnerin für die Mädchen war, hinzu, sie sollte nicht nur anwesend sein, sondern bei Problemen die Therapie auch fortführen können. (Ich hatte diese psychologisch gut vorgebildete Nonne schon ein paar Mal in dieser Form der Therapie unterrichtet, sie kannte die Methoden.)

Das schlimmste Erlebnis an diesem Tag war wieder die Vergewaltigung. Immer wieder hatte sie das Gefühl, von hinten gepackt, geschlagen, getreten, hingeworfen zu werden und von betrunkenen Männern zum Teil gleichzeitig vergewaltigt zu werden. Die Beschimpfungen "Hündin", "Hure" etc., besonders von ihrem damaligen Freund, taten ihr ebenfalls sehr weh.

Wir arbeiteten dieses Erlebnis mehrfach durch, es wurde immer etwas leichter. Erst gegen Ende konnte sie sich erinnern, dass sie trotz allem weglaufen konnte, nach Hause gehen.

Auch hier wieder fand ich die Kraftquelle: Sie war halbtot geschlagen worden und konnte trotzdem den Tätern entkommen! Auch diese Kraftquelle wurde sofort verstärkt, sodass sie am Ende voller Stolz einen kleinen Teil dieser schlimmen Erfahrung doch noch unter eigener Kontrolle haben konnte.

Beim weiteren Durcharbeiten erschienen natürlich immer wieder auch die anderen vielen schlimmen Szenen- Schläge vom älteren Bruder, Vater, den Stiefvätern, dem Mord an dem einzigen guten Stiefvater als sie elf Jahre alt war.

Es kamen aber auch, zunehmend nach längerem Durcharbeiten, die guten Erinnerungen- an die Oma, den Stiefvater, der ihr den Schulbesuch ermöglichte, die nette Lehrerin, die ihr bei den Anfangsschwierigkeiten geholfen hatte - sie war mit acht Jahren in der ersten Klasse - sodass sie gleich in die altersentsprechende dritte Klasse springen konnte - und natürlich immer wieder die Mamma. Claudia hatte eigentlich immer der Mutter geholfen, für sie gesorgt, oft gekocht, ihr die ganze häusliche Arbeit abgenommen, damit die Mutter sich nach der Arbeit ausruhen konnte - aber die Mutter war dankbar dafür gewesen, hatte sie oft in den Arm genommen und sie dafür gelobt - sodass sie über unsäglich viel Arbeit doch noch etwas Liebe bekam.

Nach dieser Sitzung- wieder waren es 3 Stunden gewesen- haben wir die schlimmen Erlebnisse wieder in den Tresor verschlossen, aber auch die vielen guten Erinnerungen, die ihr jetzt auch bewusst wurden, so verstärkt, dass sie gestärkt und stolz auf ihre große Leistung in innerem Frieden heimgehen konnte. Auch die anwesende Nonne, Sor Myriam, zollte ihr große Bewunderung für diese ihre Leistung!



Tag 6: Die fünfte Sitzung

Am sechsten Tag erfolgte lediglich eine kürzere Nachkontrolle. Mit erneutem EMDR kamen nur noch unwesentliche Details ohne größere innere Bewegung, Claudia war einigermaßen stabil und stand wieder sicher in ihrem Leben.

Allerdings kam jetzt ein anderes Problem: sie wünschte sich nichts so sehr wie nach Hause zurückkehren zu dürfen und von zu Hause aus weiter zur Schule zu gehen. Sie war mittlerweile in der neunten Klasse – nach elf Schuljahren machen die Jugendlichen dort ihr „bachillerato"- eine Abschlussprüfung, die etwa unserer Fachhochschulreife entspricht. Sie hatte sich vorgenommen, nach dieser Prüfung an die Uni zu gehen und Jura zu studieren. Natürlich war von der Rückkehr nach Hause niemand so recht begeistert. Die Sozialarbeiterin war bei ihr zu Hause gewesen- es war mittlerweile noch ein weiteres Kind, ebenfalls ein kleiner Junge, geboren worden. Die Mutter war wieder arbeiten, eine Nachbarin sorgte, so gut es ging, für die beiden kleinen Kinder. Wäre Claudia jetzt nach Hause gekommen, hätte sie die Schule niemals schaffen können- natürlich hätte sie sofort für die Kinder sorgen müssen. Die staatliche kolumbianische Institution "bien-estar", die sie damals aus der Familie nahm, überlegte, ob sie nicht auch die beiden älteren leiblichen Geschwister in Internate übernehmen sollte- und Claudia wollte nach Hause? Auch waren die Täter von damals zwar verurteilt worden, aber nicht für lange- sie waren mittlerweile wieder zu Hause.

Bestand von der Seite wirklich keine Gefahr mehr?



Tag 7: Die letzte Sitzung

Am siebten Tag organisierten und besprachen wir eine Lösung, die sich dann auch fand: Claudia durfte, wie in einem normalen Internat, alle 14 Tage für ein Wochenende nach Hause; dort konnte sie ihren kleinen Babybruder kennen lernen und ab und zu auch die Liebe ihrer Mutter spüren- aber auch deren Überforderung und die viele Arbeit zu Hause.

Im weiteren Kontakt mit der Nonne Sor Myriam erfuhr ich, dass das System so funktionierte: Claudia war alle 14 Tage für ein Wochenende zu Hause – kehrte jedes Mal völlig erschöpft und übermüdet ins Internat zurück und musste sich dort immer erst mal erholen und ausschlafen.

In der Schule machte sie weiterhin gute Fortschritte, auch entwickelte sie sich völlig verändert, war fröhlicher, gelegentlich auch mal übermütig. Ihr früheres Wesen, oft mürrisch und gereizt, zurückgezogen und ängstlich, war verschwunden, Flashbacks (Erinnerungen an ihre vielen Traumata) traten nur noch selten auf. Gelegentlich war Claudia noch sehr traurig, dann zog sie sich für ein paar Stunden zurück. Sie konnte diese Zeiten aber akzeptieren und aus eigener Kraft überwinden.

Natürlich ist dieses Mädchen noch nicht geheilt, dazu würde es sicher viel mehr Zeit in der Therapie benötigen. Aber sie kann trotz der vielen seelischen Verletzungen ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen und ihre eigenen Ziele klar vor sich sehen und durchzusetzen versuchen.

Ich war und bin immer noch voll Bewunderung für die Stärke und Lebenskraft dieses Mädchens!

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